Alle wissen: Übergewicht, Bewegungsmangel und Stress erhöhen das Herzinfarktrisiko. Und doch braucht es einen ersten Herzinfarkt für ein Verändern des Lebenswandels. Die Europawahl war ein „Herzinfarkt“ für Brüssel und für alle europäischen Demokratien. Hoffentlich führt auch dieser Infarkt zu einem Umdenken.
Für unsere Demokratie bedeutet ein gesünderer Lebenswandel, dass die Menschen sie als gemeinsames Projekt begreifen, in dem jeder anpackt und in dem der Wille zum Kompromiss über dem unbedingten Umsetzen des eigenen Willens steht. Demokratie ist kein Instrument, dessen man sich bedient, um sich zu bedienen. Demokratie ist ein Gesellschaftsvertrag, der jedem Gesellschaftsmitglied das Recht und die Chancen verspricht, sein Glück nach eigenen Vorstellungen zu finden. Demokratie gibt deshalb allen Bürger*innen das gleiche Stimmrecht mit identischem Gewicht. Sie ist weder das unauffällige Bühnenbild, das als Hintergrund für das Theaterstück des Geldverdienens und -ausgebens spielt, noch ein Dschungel, in dem das Recht des Stärkeren regiert.
Nach dem Herzinfarkt der Demokratie in Europa sollten demokratische Couch Potatoes aktiv werden und außerdem wirtschaftsliberale Raubtiere ihren Jagdtrieb einschränken. Achtsamkeit ist das Gebot der Stunde. Nur so entsteht der Raum für die Politik, die großen Herausforderungen der Zeit zu adressieren: Friedenssicherung, Migration, nachhaltiger Wohlstand, Klima, Artenvielfalt, Altersarmut. Wir alle müssen unseren demokratischen Lebenswandel radikal umstellen, sonst droht der tödliche Infarkt. Und dann: haben alle verloren.