Archiv für den Monat April 2023

Narrativ oder Märchen? Beispiel: Energiewende

DIE ZEIT zitiert Robert Habeck mit den Worten: „Wir werden bis 2030 zu 80 Prozent erneuerbare Energien haben“. Er versichert, der Energiebedarf werde auch zukünftig und ohne Kernenergie gesichert sein, dank eines zügigen Ausbaus erneuerbarer Energien. Nichts Neues also. Interessant allerdings ist ein überwiegender Teil der Kommentare: Volker Quatschkopf witzelt, dass, wenn Kohle- und Kernkraftwerke abgeschaltet werden, der Anteil Erneuerbarer natürlich über 80% liege. Nur sei dann eben nicht genug Strom da. Das bringt ihm immerhin 129 positive Bewertungen ein, von insgesamt 172. Stephan96 dankt den Kohlekraftwerken, die Deutschland im letzten Winter so zuverlässig mit elektrischer Energie versorgt haben. 129 positive Bewertungen von insgesamt 139. Hinnerk M. fühlt sich erinnert an Norbert Blüms „Die Rente ist sicher“ und merkt an: „Die Rente selbst ja, von deren Höhe hat er aber aus guten Gründen nichts gesagt.“ 104 von 105 Bewertungen positiv.

Die Skeptiker führen gute Argumente für ihren Zweifel an: Steigender Energiebedarf durch Elektroautos und Wärmepumpen einerseits, unter Plan liegender Ausbau der Erneuerbaren sowie die konzeptionell nicht abgesicherte Grundlast bei bedecktem Himmel und Flaute. Herr Habeck gilt als Minister, der mit den Menschen spricht und Zeit dafür aufwendet, seine Maßnahmenpakete zu erklären. Ein guter Versuch, die Bürger mitzunehmen, es fehlen jedoch … Fakten. Plausible Narrative sind nicht genug, denn sie können leicht als Märchen abgetan werden, insbesondere, wenn plausible Gegen-Narrative existieren, die Zweifel wecken. Im TED-Interview „Is Democracy doomed? The global fight for our future” erklärt der bekannte Geschichtsprofessor und Autor Timothy Snyder sehr einleuchtend, wie wichtig Fakten für die Entwicklung und Annäherung von Einstellungen sind. Ohne Fakten können Narrative zeitlich unbegrenzt nebeneinander stehen und einer Polarisierung Vorschub leisten. Fakten sind der unverrückbare Anker, der gemeinsame Nenner, der es den Vertretern verschiedener Narrative ermöglicht miteinander zu sprechen, Lücken und Fehler in den jeweiligen Narrativen aufzudecken und sich anzunähern. Ohne Fakten könnten Narrative ebenso gut Märchen sein.

Robert Habeck macht ein Versprechen für die Zukunft. Eine zukünftige Entwicklung mit Fakten zu belegen ist naturgemäß nicht möglich. Es ist allerdings möglich, auf der Basis von Ist-Daten und Vergangenheitserfahrungen Szenarien zu erstellen. Und auf genauso ein Szenario, genau genommen sogar zwei, bezieht sich Herr Habeck. Die Bundesnetzagentur hat unabhängig voneinander zwei Gutachten bei Energieberatungsunternehmen in Auftrag gegeben, beide kommen zu dem Ergebnis, dass bei Einhaltung der Ausbaupläne für erneuerbare Energien, H2-ready-Gaskraftwerke und das Energienetz die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Dabei ist die wachsende Anzahl von E-Autos, Wärmetauschern und Anlagen zu Wasserstofferzeugung bereits berücksichtigt.

Hätte die allgemeine Öffentlichkeit Kenntnis von den wesentlichen Inhalten des Berichts, könnte dies die Basis einer fruchtbaren, weil spezifischen, Diskussion sein. Eine Diskussion, die sich mit dem Setzen politischer Schwerpunkte beschäftigt. Die oben angeführten Leserbeiträge sind nachvollziehbar, wenn die Fakten für Habecks Äußerungen fehlen. Aber derartige Kommentare sind nicht konstruktiv und verstärken eine Spaltung.

Ist es nicht Aufgabe der Regierung und ihrer Ministerien – und vor allem des Bundespresseamts  – , Hintergrundinformation zu ihren Entscheidungen und Handlungen aktiv in die Öffentlichkeit zu tragen? Und ist es  nicht Aufgabe der Medien, vor allem der öffentlich-rechtlichen, den Ball aufzunehmen und weiterzuspielen? Gerne kritisch, aber faktenbasiert und nicht auf Schlagzeilensuche fixiert.

Manche würden sagen: zu teuer, zu aufwändig. Es wäre interessant, zu analysieren, wieviel Aufwand bereits heute in zahlreichen Redaktionen betrieben wird. Und wieviel Überfütterung bei gleichzeitiger Unterernährung der medienkonsumierenden Bevölkerung dabei entsteht.

Dieselben Narrative werden über Wochen und Monate wieder und wieder geschrieben, gelesen und besprochen: In Nachrichten, Zeitungen, Dokumentationen und Talkshows. Was fehlt, ist die tragfähige Untermauerung mit Fakten. Ich wage die Hypothese, dass eine Analyse einen verschwindend geringen gesellschaftlichen Informationsgewinn je aufgewendeter Stunde oder € zeigen würde. Der Volkswirt spricht davon, dass der Grenznutzen der Stunde journalistischer Arbeit gegen Null geht. Vermutlich sogar ins Negative. 

Wieder andere würden sagen: Es geht doch gar nicht um Information! Es geht um Bedürfnisse, deren Befriedigung der freie Markt sicherstellt: Sensationslust und Bestätigung. Gefühle sind wichtig, nicht Fakten. Abgesehen davon, dass ich persönlich nach dem dritten Wiederkäuen eines Themas in einer Talkshow nur Langeweile und Ärger empfinde: Heißt es nicht auch, die Medien seien die vierte Gewalt? Sollten die Medien nicht ein entscheidendes Bindeglied zwischen dem Volk als Souverän und dessen Repräsentanten sein? Ein mündiger Bürger darf und muss sich auch mit unbequemen Fakten beschäftigen. Wenn nicht, gibt es zwei Szenarien: Das Volk als Souverän ist unfähig, auf aufkommende schwere Wetter zu reagieren und springt, wie eine Herde Lemminge, in den sich auftuenden Graben. Aber er ist immerhin dabei gut unterhalten worden. Oder aber, unsere Repräsentanten beginnen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten und in paternalistischer Manier, Entscheidungen zu treffen. Dann reden wir aber nicht mehr von einer Demokratie.  Eine Demokratie verlangt ihren Bürgern eben ein Mindestmaß an Mitarbeit ab. Ein Menschenbild, das eine derartige Mitarbeit ausschließt, verabschiedet sich auch von Demokratie als nachhaltiger Staatsform. 

Demokratie ist kein Nachtwächterangebot.

Natürlich gibt es sie, die Journalisten, die ihre Aufgabe ernst nehmen. Und dennoch führt eine Headline-Äußerung von Habeck zu einer unfruchtbaren Diskussion. Es kann natürlich sein, dass die Leser Beiträge mit Hintergrundinformation nicht gelesen haben und auch gar nicht lesen wollen. Aber um festzustellen, ob diese Annahme zutrifft oder nicht, müssten solche Beiträge erst einmal einfach und für jeden verfügbar und verständlich aufbereitet angeboten werden. Eine klassische journalistische Arbeit.

Wie relevant das Versäumnis ist, zeigt sich, wenn man den bereits sechs Jahre alte Prognose zur Energiewende der alten Bundesregierung von 2017 aus der Schublade zieht: Die finale Aussage des Gutachtens lautet:

Akzeptanz ist die zentrale „Währung“ des Transformationsprozesses

Insgesamt zeigt sich, dass in allen Sektoren Herausforderungen entstehen, die aus heutiger Sicht unpopuläre Maßnahmen und/oder zusätzliche Ausgaben erfordern. Dies gilt z.B. für den Ausbau der Infrastrukturen im Stromsektor, Veränderung des Landschaftsbilds, die Gebäudesanierung oder Änderungen der Ernährungsgewohnheiten. Die Sicherung der nötigen gesellschaftlichen Akzeptanz ist die zentrale Klammer, die den Energiewendeprozess zusammen hält.

Die Diskussion von Habecks Äußerung zeigt, wie weit wir noch von Akzeptanz entfernt sind. Solange verschiedene Narrative nebeneinander stehen bleiben können, ohne durch Fakten „herausgefordert“ zu werden, wird die Akzeptanz auch keine Fortschritte machen. Fakten sind für eine verständige Diskussion der Lösungen erforderlich.

Übrigens: Wer sich mit dem Gutachten der Bundesnetzagentur vertraut gemacht hat, wird eine Menge Gründe finden, um Habecks Äußerung zu kritisieren. Aber eben relevante Gründe. So kann eine Diskussion fruchtbar werden.

https://www.ted.com/search?q=timothy%20snyder

Es wird Zeit, dass der Westen seine Hausaufgaben macht

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In der Zeit hat Gastautor Albrecht Kokorschke einen sehr lesenswerten Beitrag geschrieben: „Die Tage des Westens sind gezählt“.  Darin analysiert er die Unterstützung der Ukraine durch „den Westen“ und kommt zu einer kritischen Bewertung dieses Engagements. Er betont, dass „Recht und Unrecht selten so klar verteilt gewesen (sind), wie in diesem barbarischen Krieg. Das Handeln des Westens setze allerdings zwei Dinge voraus: „Erstens Autorität, im Sinne einer verallgemeinerten Anerkennung als richterliche Instanz. Zweitens Macht.“ Die relative Bedeutung des Westens, sowohl militärisch als auch wirtschaftlich, sei nicht mehr ausreichend, die kombinierte Wirtschaftskraft der ehemaligen Schwellenländer übersteige bereits die des Westens. Dass „von russischer Seite alle völkerrechtlichen und humanitären Prinzipien mit Füßen getreten werden“ hätte zu einer breiten, globalen Solidarisierung führen sollen. Stattdessen zeigten Umfragen, „dass nicht sich nur die Regierungen vieler sich für neutral erklärender Länder mit Russland paktieren, sondern dass auch in den Bevölkerungen häufig eher Sympathien für die russische Seite bestehen.“ Andere „politisch-militärische Brandherde“, häufig „Folge missglückter westlicher Interventionen“, sind dort präsenter. „Inflation und Verknappung lebenswichtiger Güter werden nicht allein dem russischen Überfall, sondern auch den westlichen Sanktionen zugerechnet.“ Es zeige sich auch, dass moralische Argumente gegenüber handfesten politischen Interessen nur bedingt Durchschlagkraft haben.

Nun könnte man aus dem Artikel schließen, dass die Empörung-getriebene, relativ spontane Entscheidung, die Ukraine mit militärischem Material zu unterstützen, falsch war. Statt relativ unvorbereitet auf ein von Präsident Putin gut vorbereitetes Schlachtfeld zu marschieren, hätten die Nato-Mitglieder Lehren aus dem Angriff Putins ziehen können und sich auf zukünftige, sicherheitspolitische Herausforderungen, nicht nur seitens Russland, vorbereiten können.  Das hätte die Sanierung/Restrukturierung europäischer Armeen,  die Herstellung möglichst weit gehender Unabhängigkeit in der Energieversorgung und bzgl. Kritischer Elemente in der Wertschöpfungskette, die Sicherung der wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven und das Knüpfen militärischer und nicht-militärischer Kooperationen auf diplomatischem Wege beinhaltet. Das ist Schnee von gestern. Und ob diese Maßnahmen ohne die spürbaren Folgen des Ukrainekriegs politisch durchsetzbar gewesen wäre? Wahrscheinlich unwahrscheinlich. Doch nun gibt es keine Entschuldigung mehr, nicht in allen diesen Bereichen tätig zu bleiben.

Neben Energieversorgung, Wirtschaft und Militär gibt es eine weitere Größe, die krisenfest gemacht werden muss: Unsere Demokratie. Die Verletzung völkerrechtlicher und humanitärer Prinzipien ist schließlich nicht der einzige, moralische Beweggrund des Westens. Vielmehr schwingt der Westen die Fahne des Liberalismus und der Demokratie in der Überzeugung, dies sei zwingend der Weg, den die Welt einschlagen werde, ganz gemäß dem Narrativ im „Ende der Geschichte“,das Francis Fukuyama nach dem Zerfall der Sowjetunion vorhersah. Diese Vorhersehung war falsch. Der Anteil der Menschen, die in Demokratien leben, ist seit der Jahrtausendwende rückläufig, in China wird vehement ein Gegenentwurf zur freiheitlichen Demokratie propagiert, und dies mit missionarischem Anspruch. Xi Jinping relativierte in diesem Zusammenhang sogar öffentlich die Menschenrechte. In der bevölkerungsmäßig – noch – zweitgrößten Nation Indien sind antidemokratische Tendenzen zu beobachten und auch in vielen Nationen des Westens ist die Demokratie unter Druck, allen voran in den USA. Der Westen sollte endlich realisieren, dass die Demokratie sich in einem Kampf der Weltanschauungen befindet. Und es ist einfach falsch, davon auszugehen, dass alle Menschen, sozusagen genetisch bedingt und selbstverständlich, dem Glaubenssystem der liberalen Demokratie anhängen und nur auf ihre demokratische „Befreiung“ warten. Afghanistan und der Iraq haben gezeigt, dass Demokratie nicht einfach in ein Land getragen werden kann, wenn der „kulturelle Unterbau“ fehlt.

Die Kultur eines Landes verändert sich nur langsam und etablierte Demokratien haben deshalb den Vorteil eines relativ stabilen Fundaments. Demokratische Kultur will allerdings auch gepflegt werden. Denn verliert eine Demokratie an kultureller Stabilität, wie in den USA, Polen, Ungarn, Italien, Frankreich und auch Deutschland, kann sie leicht ins Rutschen geraten. Und ebenso träge, wie demokratische Kultur auf anti-demokratische Einflüsse reagiert, reagiert sie auch auf Kräfte, die auf eine Stabilisierung wirken. Der Krieg in der Ukraine bringt nicht nur grundsätzlich Schwächen des Westens hervor, er verstärkt sie sogar. Die durch den Krieg ausgelöste Inflation sowie zusätzliche Ausgaben machen Deutschland ärmer und sinkender Wohlstand und damit einhergehende Verteilungskämpfe sind naturgemäß eine Belastungsprobe für die Demokratie. Der wichtigste Resilienzfaktor einer Demokratie ist deren demokratische Kultur: eine Bevölkerung, in der nicht polarisiert, sondern in der Lösungen und Kompromisse gesucht werden.

Aktive Bemühungen, die demokratische Kultur eines Landes zu festigen, müssen zum Waffen-Arsenal einer Demokratie gehören, sich selbst zu schützen. Im Grundsatz duldet unsere Demokratie den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte zum Schutz der Demokratie, etwa, wenn die Meinungsfreiheit durch das Verbot volksverhetzender Äußerungen eingeschränkt wird. Hier legt das Strafgesetzbuch ein scharfes Schwert in die Hände der Judikative. Wird es jedoch angemessen eingesetzt?  In seinem Heft „Was heißt hier „Wir““ legt Prof. Heinrich Detering zwingend dar, wie Äußerungen verschiedener Politiker unter den Sachverhalt der Volksverhetzung eingeordnet werden müssten. Die Gerichte schrecken jedoch davor zurück, vermutlich, weil sie den Vorwurf eines antidemokratischen Eingriffs in die Persönlichkeitsrechte befürchten. Sie befinden sich so vermeintlich auf der sicheren Seite, vermeintlich, weil sie möglicherweise die schädliche Wirkung dieser Äußerungen auf die demokratische Kultur unterschätzen. Sie können sich vermutlich nicht vorstellen, dass unsere Demokratie ernsthaft in Gefahr sein könnte. Oder sie schrecken vor dem persönlichen Risiko zurück, dem eine nur unsichere Auswirkung auf etwas „Schwammiges“ wir die Kultur gegenübersteht. Es ist natürlich immer einfacher, mit dem Strom zu schwimmen. Das Schwimmen gegen den Strom ist jedoch wichtiger Bestandteil demokratischer Kultur.

Es gibt weitere Instrumente, die demokratische Kultur in Deutschland zu stärken. Die in den Ländern formulierte Schulpflicht ist ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte von Kindern und Eltern. Auch dieser wäre gerechtfertigt, wenn die Schulpflicht einen entsprechenden Beitrag zur Stabilisierung der Demokratie leistete. Indirekt tut sie dies insofern, als dass ein hoher Bildungsstand die Grundlage für unseren Wohlstand ist, ohne den das Glaubenssystem liberale Demokratie einen sehr viel schwereren Stand hätte. Inwieweit das Bildungssystem allerdings einen direkten Beitrag dazu leistet, liberale Demokratie in Kopf und Herz der Bürger zu verankern, ist zumindest eine Diskussion wert. Es wäre auf jeden Fall noch viel Luft nach oben.

Demokratie lebt davon, dass Bürger sich austauschen, nicht nur über das Windrad in der Nachbarschaft, sondern auch über Zukunftsvisionen für unsere Gesellschaft: Wohlstandserhalt, Verteilungsfragen, die Rolle Deutschlands in der Welt etc.. 

Austauschen. Das heißt, die Situation und Position des anderen verstehen, Informationen erhalten und teilen, Kompromisse abwägen. 

Die Medien spielen hier Stellvertreter: Wenn jede Meinung und eine Gegenstellungnahme dazu irgendwo in den Medien repräsentiert ist, dann findet das Austauschen quasi im Spiegel der Medien statt. Man kann sich darüber streiten, ob diese Art Stellvertreter-Diskussion ausreichend ist. Es war auf jeden Fall Teil des ethischen Selbstverständnisses in den Medien, durch ausgewogene Berichterstattung den Bürgern eine solide politische Entscheidungsgrundlage zu geben. Durch das Internet sind wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund gerückt. Es verkauft sich leichter, was gehört werden will. Die Bürger wurden, wie in jeder guten Geschäftsfeldstrategie, segmentiert und jedem Segment wird passendes geliefert. Was immer die Position eines Bürgers ist, sie wird gestärkt und kognitive Dissonanz vermieden. Fake News und Polarisierung im Internet verstärken diese Tendenz. Eine Stärkung der demokratischen Kultur findet jedenfalls nicht statt. Und statt darüber zu diskutieren, wie öffentlich-rechtliche Einrichtungen ihrem Auftrag besser nachkommen könnten, werden sie vielerorts generell in Frage gestellt. Hier gibt es Handlungsbedarf.

Bundespräsident Steinmeier hat den Vorschlag eines verpflichtenden, sozialen Dienstes ins Gespräch gebracht. Zu rechtfertigen wäre ein solcher Dienst dann, wenn es Evidenz gäbe, dass damit nachweislich eine Stabilisierung und Stärkung des liberal-demokratischen Glaubenssystems, und damit der inneren Sichereit unserer Demokratie, einhergeht. Direkter und leichter mit der Verfassung vereinbar könnte ein verpflichtender Dienst zur Mitwirkung auf einer „Öffentlichkeitsplattform“ sein, im Rahmen dessen sich die Bürger politisch einbringen. Ein System bürgerratsähnlicher Diskussionsforen könnte dafür geschaffen werden. Interessant ist, dass es für den das Glaubenssystem des christlichen Glaubens noch immer eine Reihe von Feiertage gibt. Einen Feiertag für die deutsche Demokratie sucht man jedoch vergeblich. 

Was immer konkrete Maßnahmen zur Stärkung der demokratischen Kultur sind, Voraussetzung für deren Ergreifen ist das Verständnis, dass die Stabilisierung des Glaubenssystems liberale Demokratie ein wichtiges politisches Handlungsfeld sind. Menschenrechtsverletzungen im Iran oder in China sind dramatisch. Wo wir etwas tun können, sollten wir handeln. Mit erhobenen, moralischem Zeigefinger durch die Welt zu reisen und mit Sanktionen zu drohen ist jedoch unserem derzeitigen Zustand und unserer Rolle in der Welt nicht angemessen. Die westlich orientierten Demokratien stehen unter Beschuss und um sich wirksam verteidigen zu können, müssen sie ihre Hausaufgaben machen. Ökonomisch, Ökologisch, Technisch, vor allem aber im Hinblick auf die Instandsetzung des Fundaments der Demokratie: Der liberal-demokratischen Kultur.