Kann der Mensch Demokratie?

Mit unserem Kreuz auf dem Wahlzettel entscheiden wir uns für politische Themen und Lösungsansätze. Und für die Menschen, die uns repräsentieren sollen. Aber was sind die wichtigsten Themen, die richtigen Lösungsansätze? Verfügen die Menschen, die wir wählen, über die ausreichende Kompetenz? Halten Sie Wort?

Als Barbara Hendricks aus Paris zurück kam, war die Presse verhalten euphorisch über die Ergebnisse der Welt-Klimakonferenz. Einigkeit war erzielt worden über ein Programm, das die globale Erwärmung auf unter 2 Grad drücken sollte. Frau Hendricks hatte für dieses Ergebnis gekämpft. Aus welcher Partei war Frau Hendricks nochmal? Die kann man doch wählen!

Verstehen wir das Klimasystem wirklich so gut, dass wir eine 2 Grad Grenze vorhersagen können? Können wir den CO2 Ausstoß prognostizieren? Oder steuern? Im Internet finden sich eine Menge POSITIONEN:

  • Permafrostböden tauen, Methaneis schmilzt, strahlenreflektierende Eisflächen schwinden, uns droht ein Klima-Chaos.
  • Oder: Die Erwärmung und der erhöhte CO2 Gehalt machen die Erde zu einem fruchtbareren Planeten.
  • Die globale Temperatur kann gar nicht zuverlässig gemessen werden.
  • Die Erhöhung der globalen Temparatur beruht nur auf einer Veränderung der Mess-Methodik; seit einiger Zeit werden nämlich die Ozeane mit einbezogen.
  • In den letzten 15 Jahren gab es keine globale Erwärmung, obwohl der CO2 Gehalt in der Luft erheblich gestiegen ist.
  • Die Theorie des Treibhauseffekts widerspricht den Hauptsätzen der Thermodynamik.
  • In der Erdgeschichte haben hohe Durchschnitts-Temparaturen immer mit hohen CO2 Konzentrationen korreliert, der CO2-Gehalt ist somit zumindest Teil der Erklärung.
  • Einfache Versuche zeigen eindrucksvoll, dass sich unter identischen Bedingungen Gewächshäuser mit höherer CO2-Konzentration stärker erwärmen.
  • Nicht das Ausmaß der Erwärmung ist kritisch, sondern dass sie so schnell vonstatten geht, dass Pflanzen, Tiere und Menschen sich nicht schnell genug anpassen können.
  • Statt vergeblich zu versuchen, die globale Erwärmung zu bremsen, sollten wir frühzeitig den Folgen entgegenwirken.

Nach mehrstündigem Aufenthalt im Netz war mein Klimawandel-Glaube erschüttert. Aber mein Verständnis war auch nicht besser. Es fand sich keine Unterlage, die alle entscheidungsrelevanten Informationen zusammenfasst. In der differenziert wird zwischen Wissen, Annahmen, Vermutungen, Hypothesen, Glauben. Eine Unterlage, in der  auch Wahrscheinlichkeiten Platz haben.

Wie können wir Wähler gute Entscheidungen fällen ohne dass wir Ausgangslage, Optionen und Konsequenzen verstehen? Gar nicht. Wir können auch nicht beurteilen, ob unsere Volksvertreter gute Arbeit machen. Können wir unter diesen Umständen Demokratie? Können diese Umstände geändert werden?

Daniel Kahnemann beschreibt in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ (ein must-read!), welche unglaubliche Mengen an Denkfehlern wir machen. Wir lieben zum Beispiel sichere Aussagen (auch wenn sie eigentlich nicht möglich sind), haben nicht wirklich ein Verständnis von Statistik und über-gewichten Argumente, die in unsere etablierten Denkmuster passen. Und schnelles Denken (Glaube und Intuition) ist auch soviel einfacher. Solange wir uns unserer systematischen Denkfehler nicht bewusst sind und ihnen entgegenwirken, kann eine politische Diskussion eigentlich nur in Form eines Schlagabtauschs von Glaubenssätzen und -positionen stattfinden. So wie die Diskussionen rund um den Klimagipfel.

Viele werden sagen, der Mensch ist nunmal so und wird sich  nicht ändern. Und ausserdem ist die Welt viel komplexer und schneller geworden, es sei gar nicht möglich, ausreichende Transparenz zu schaffen. Na gut, dann können wir eben Demokratie NICHT. Ich bin optimistischer. Es geht nicht darum, das die Menschen sich ändern. Es geht darum, dass sie lernen, das besser zu nutzen, was sie erst zu Menschen macht, den Verstand. Eine Aufgabe für die Bildungssysteme. Unsere Bildungssysteme sind darauf ausgerichtet, qualifizierte Arbeitskräfte mit spezifischen Fähigkeiten zu schaffen. In der Schule lernen wir Algebra, aber keine Logik oder Dialektik.

Niemals zuvor wussten wir soviel darüber, wie unser Gehirn funktioniert und wie wir denken. Und wo wir Denkfehler machen. Wenn es uns gelingt, diese Erkenntnisse in die Inhalte und Gestaltung unserer Bildungssysteme zu bringen, dann wird die Entscheidungskompetenz von Bürgern, Experten und Politikern steigen. Und damit die Effektivität und die Stabilität der Demokratie.

 

 

 

 

 

 

5 Gedanken zu „Kann der Mensch Demokratie?

  1. Avatar von SandraSandra

    Schöner Beitrag, Danke Herr Hilgers – auch für den Buchhinweis.

    (Hier eine weitere Anregung: „Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ von Gerd Gigerenzer)

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  2. Avatar von langsamdenkerlangsamdenker Autor

    Guten Abend, Sandra,

    vielen Dank für das feedback; ich glaube wirklich, eine Revolution in Sachen Bildung wäre der Schritt, der den Menschen weiterbringt.

    Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, habe ich schon bestellt.

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  3. Avatar von André LenkAndré Lenk

    …naja, es ist nun mal auch eine philosophische Wahrheit: „Jedes Volk hat meistens genau die Regierung, die es verdient!“ …wir sind also hauptsächlich selber Schuld, wenn wir von verlogenen Heuchlern und schwach- bis sogar unqualifizierten Dummschwätzern regiert werden. Aber noch haben wir die Möglichkeiten, z.B. auch bei demokratischen Wahlen, die Täter angemessen zu bestrafen und die Zustände zu verbessern. …aber wie lang noch?

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  4. Avatar von langsamdenkerlangsamdenker Autor

    …die Frage ist nur: Wer ist wir? Wir, die Wählerschaft, ist eben ein inhomogener Haufen. Dieser Haufen hat kein Wir-Gefühl und besteht aus vielen Individuen, von denen die Mehrzahl weder die Motivation noch die Kompetenzen vermitteln bekommen hat, um unqualifizierte Dummschwätzer als solche zu identifizieren. Und selbst wenn, stünden nicht die entscheidungsrelevanten Informationen bereit. Wenn das Bildungssystem nicht nur daran gemessen würde, ob die Anforderungen des Arbeitsmarktes angemessen abgedeckt werden, sondern auch daran, ob ein Wir-Gefühl hinsichtlich der unserem Grundgesetzt zugrunde liegenden Werte geschaffen und Entscheidungskompetenz in allen relevanten Lebensbereichen aufgebaut wird, dann wäre Deutschland einen großen Schritt weiter. Dann bestünde nämlich die Chance, das der Anteil kritischer und verantwortlicher Bürger in der Wählerschaft und in der Politik ein kritisches Maß erreicht, das für eine nachhaltig erfolgreiche Demokratie erforderlich ist. Wie hoch dieser Anteil sein muss? Unklar. Aber vermutlich auf jeden Fall höher als heute.

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    1. Avatar von André LenkAndré Lenk

      …ok, mein Kommentar is da wohl eher für „schnelldenker“ gewesen 😀 mit „wir“ hab ich die Mehrheit der Wählerschaft gemeint… also…aktuell und auf die letzten 25 Jahre Deutland- Bundesländer Politik bezogen stelle ich fest: alle die, die folgenden Parteien gewählt haben: CDU, CSU, SPD, Grüne, Linke ( die noch kleineren Parteien aus dem Mainsteam-Sektor lasse ich hier mal weg ), und alle die nicht gewählt haben trifft die volle Schuld! Also diese Wähler sollten besser die Klappe halten und sich nicht aufregen sonden gleich zu Hause bleiben und sich schämen! …und alle anderen, die also selbständig denken und handeln können, müssen sich nun endlich zusammen schließen und politisch aktiv werden! Was das dann für jeden einzelnen bedeutet, ist dann natürlich die Sache der eigenen Intelligenz und des eigenen Intellektes! Wer mal in in der Schule auf gepasst hat, weiß was da zu tun ist. Zum Beispiel ist da die Erkenntnis aus dem Zusammenhang von Strategie und Taktik sehr hilfreich! …achso ja, und wer nich wählen geht, hat wohl die Demokratie nicht verstanden und diese somit auch nicht verdient… Ja eine Demokratie bekommt das Volk nich geschenkt! Diese muss es sich erst verdienen! 😉

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